Sicherheit religiöser Einrichtungen bleibt zentrales Anliegen
Die Schussabgabe auf den Eingangsbereich einer Moschee in Hollabrunn hat über Österreich hinaus grosse Betroffenheit ausgelöst. Auch in der Schweiz nehmen muslimische Gemeinschaften solche Vorfälle mit Sorge wahr – insbesondere, weil religiöse Einrichtungen Orte des Friedens, der Begegnung und des Vertrauens sein müssen.
Als nationale Dachorganisation beobachten wir, dass internationale Gewalttaten oder gezielte Angriffe auf Gebetshäuser das Sicherheitsgefühl vieler Gläubigerinnen und Gläubiger beeinträchtigen selbst dann, wenn sie im Ausland geschehen. Diese Verunsicherung ist real und ernst zu nehmen.
Hassbotschaften und Drohungen sind keine Einzelfälle
Neben physischen Vorfällen erreichen muslimische Dachorganisationen in der Schweiz zunehmend massive Hassbotschaften, entwürdigende Beschimpfungen sowie konkrete Drohungen, auch im laufenden Jahr. Die Inhalte sind teils extrem menschenverachtend, sexualisiert und religiös beleidigend und erfüllen klar den Tatbestand von Hassrede.
Solche Nachrichten sind keine vereinzelten Entgleisungen. Sie tragen zur Normalisierung von Gewaltfantasien und zur Einschüchterung ganzer Gemeinschaften bei. Für die Betroffenen bedeutet dies reale Verunsicherung, nicht nur online, sondern auch im Alltag, im Vereinsleben und beim Gebet.
Sicherheit braucht Struktur und Prävention
Einordnung durch den Leiter Sicherheit der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich

Leiter Sicherheit
Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich
Viele Moscheen, Vereine und Zentren sind derzeit verunsichert. Was sind aus Ihrer Sicht erste, einfache Schritte, wenn man sich bedroht fühlt?
Sicherheit ist kein Randthema, sondern eine zentrale Führungsaufgabe. Gerade weil viele Moscheevereine ehrenamtlich organisiert sind, braucht es klare Strukturen, Professionalität und Qualitätssicherung. Es geht um den Schutz von Menschen – das lässt sich nicht nebenbei organisieren.Wichtig ist zudem der frühe Austausch mit lokalen Behörden. Der Kontakt mit Polizei und zuständigen Stellen schafft Orientierung, Vertrauen und zeigt, dass man nicht allein ist. Unsere Erfahrungen im Kanton Zürich zeigen, dass eine konstruktive, respektvolle Zusammenarbeit wesentlich zur Beruhigung beiträgt.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Sicherheitsrisiken – eher im digitalen Raum oder vor Ort?
Der digitale Raum ist seit Jahren ein Nährboden für Hass. In jüngerer Zeit haben jedoch konkrete Drohungen deutlich zugenommen. Keine Drohung sollte unterschätzt werden – Erfahrungen zeigen, dass Worte zunehmend in reale Handlungen übergehen können.
Darüber hinaus zeigt sich auch im analogen Raum eine zunehmende Zuspitzung der Lage. Vorfälle vor Ort nehmen zu, etwa verbale Angriffe oder Sachbeschädigungen. Häufig fehlt es dabei nicht am Willen, sondern an klaren Zuständigkeiten und Abläufen. Prävention bedeutet hier, eine verantwortliche Person zu benennen, Risiken systematisch zu erfassen und auf dieser Basis gezielte Massnahmen zu ergreifen.
Was ist Ihnen wichtig, den Verantwortlichen mitzugeben, damit Sicherheit gewährleistet werden kann, ohne religiöses Leben einzuschränken?
Entscheidend ist eine klare Rollen- und Verantwortungsverteilung. Zuständige Personen müssen Risiken realistisch einschätzen und im Ernstfall angemessen reagieren können – mit dem Ziel, das religiöse Leben so normal wie möglich weiterzuführen.
Ebenso wichtig ist ein tragfähiges Netzwerk innerhalb der Community und mit den zuständigen Behörden. Wenn klar ist, wann welche Informationen weitergegeben werden müssen und an wen, entsteht Handlungssicherheit statt Angst.
Wie würden Sie die aktuelle Situation insgesamt einordnen?
Sicherheit ist keine freiwillige Zusatzaufgabe. Mit der Übernahme eines Amtes geht auch Verantwortung einher. Einzelne Herausforderungen lassen sich lokal lösen, langfristig braucht es jedoch koordinierte, kantonal abgestimmte Strukturen, um wirksam zu handeln und Missverständnisse zu vermeiden.
Minderheitenschutz als präventive Sicherheitsmassnahme
Die Schweiz verfügt über rechtsstaatlich verankerte Instrumente zum Schutz von Minderheiten mit besonderen Schutzbedürfnissen. Dazu gehören auch präventive Massnahmen, die darauf abzielen, Risiken frühzeitig zu erkennen und religiöse Einrichtungen besser zu schützen.
Unter bestimmten Voraussetzungen können Organisationen Unterstützung für bauliche, organisatorische oder sensibilisierende Sicherheitsmassnahmen erhalten. Diese Möglichkeiten sind Teil der öffentlichen Sicherheitsarchitektur und dienen dem Schutz von Menschen sowie von Orten des religiösen Lebens. In der Praxis zeigt sich, dass eine frühzeitige fachliche Einordnung bei Sicherheitsfragen hilfreich sein kann.
Sicherheit ist eine staatliche Kernaufgabe
Religiöse Einrichtungen dürfen keine Orte der Angst sein. Der Schutz von Minderheiten und ihrer Institutionen ist kein Sonderanliegen, sondern Teil der öffentlichen Sicherheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Wir begrüssen ausdrücklich, dass hierfür klare rechtliche Grundlagen und geeignete Präventionsinstrumente bestehen. Gleichzeitig braucht es eine klare gesellschaftliche Haltung: Hass, Entmenschlichung und Gewaltandrohungen dürfen weder relativiert noch toleriert werden.
Gerade in angespannten Zeiten ist es entscheidend, dass Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit und Sicherheit nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gemeinsam geschützt werden.
